Wer sich für eine Gruppendynamik Ausbildung interessiert, stößt im deutschsprachigen Raum auf drei zentrale Fachverbände: die DGGO (Deutsche Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsdynamik), die ÖGGO (Österreichische Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung) und den ÖAGG (Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik). Alle drei stehen in der Tradition Kurt Lewins und haben das Herzstück der Gruppendynamik gemeinsam: die Trainingsgruppe (T-Gruppe) als zentrales Lernsetting. In ihren Schwerpunkten, ihrer Ausbildungsphilosophie und ihrer Dauer unterscheiden sie sich jedoch deutlich.
Drei Vereine, eine Tradition
Die Gruppendynamik hat im deutschsprachigen Raum eine lange institutionelle Geschichte. In den 1960er und 70er Jahren brachten Pioniere wie Traugott Lindner, Gerhard Schwarz und andere die Ideen der National Training Laboratories (NTL) aus den USA nach Europa. Seitdem haben sich die drei Verbände als professionelle Träger der gruppendynamischen Aus- und Weiterbildung etabliert – jeder mit einer eigenen Geschichte und einer eigenen Akzentuierung.
Was alle drei Vereine verbindet, ist dabei die Grundüberzeugung, dass gruppendynamische Kompetenz nicht durch Lektüre oder Vorträge erworben werden kann. Sie entsteht vielmehr im Erfahrungslernen – in der Auseinandersetzung mit realen Gruppenprozessen, gestützt durch Feedback, Supervision und theoretische Reflexion. Die T-Gruppe bildet dementsprechend bei allen drei Verbänden den Kern der Ausbildung.
DGGO: Gruppendynamik mit organisationalem Fokus
Die DGGO ist der zentrale Fachverband in Deutschland. Sie ging 2007 aus der Sektion Gruppendynamik des DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik, gegr. 1968) hervor und verfügt somit über eine mehr als fünfzigjährige fachliche Tradition.
Die DGGO legt besonderen Wert auf die Verbindung von gruppendynamischem Lernen und organisationaler Praxis. Die Ausbildung bietet dabei zwei Wege: Die Weiterbildung zur/zum „Gruppendynamischen Leiter:in und Berater:in für Gruppen“ erstreckt sich über rund eineinhalb Jahre in einer festen Lerngruppe und umfasst mindestens 45 Fortbildungstage. Sie richtet sich an Fach- und Führungskräfte, die Gruppen kompetent leiten und beraten wollen, ohne selbst Trainer:in zu werden.
Darüber hinaus bietet die DGGO die Ausbildung zur/zum „Trainer:in für Gruppendynamik“ an. Diese befähigt dazu, gruppendynamische Trainings eigenverantwortlich zu leiten und an der Ausbildung künftiger Trainer:innen mitzuwirken. Die Voraussetzung dafür ist die Teilnahme an mindestens drei fünftägigen Trainings mit jeweils positiver Empfehlung sowie ein humanwissenschaftliches Studium oder eine vergleichbare Qualifikation.
ÖGGO: Selbstorganisierte Ausbildung in der Klagenfurter Tradition
Die ÖGGO wurde 1973 in Österreich gegründet und steht in der Tradition der Klagenfurter Schule der Gruppen- und Organisationsdynamik. Sie fokussiert sich – ähnlich wie die DGGO – auf die Arbeit mit sozialen Systemen in organisationalen Kontexten und hat von Beginn an eine klare Abgrenzung zu therapeutischen Ansätzen verfolgt.
Ein Merkmal der ÖGGO-Ausbildung ist ihr Prinzip der Selbstorganisation: Auszubildende gestalten ihren Ausbildungsweg gemeinsam mit erfahrenen Gruppendynamiker:innen in eigenem Tempo. Es gibt keine fixen Lehrgänge, sondern ein Curriculum aus Pflicht- und Wahlteilen, das individuell zusammengestellt wird. Die Ausbildung beginnt mit zwei positiven Empfehlungen aus ÖGGO-Trainingsgruppen und führt über verschiedene Stufen – vom Anwärter über das Außerordentliche Mitglied zum Ordentlichen Mitglied – zur vollständigen Vereinsmitgliedschaft.
Diese Struktur spiegelt ein zentrales gruppendynamisches Prinzip wider: Wer lernen will, Gruppen zu begleiten und zu steuern, muss diesen Prozess zunächst auch für die eigene Ausbildung selbst organisieren können.
ÖAGG: Gruppendynamik im therapeutischen Kontext
Der ÖAGG (Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik) hat eine andere Entstehungsgeschichte. 1959 gegründet, war er zunächst ein Fachverband für die therapeutische Arbeit mit Gruppen. Die Gruppendynamik ist beim ÖAGG eine von mehreren Fachsektionen – die Fachsektion „Gruppendynamik und Dynamische Gruppenpsychotherapie“ (GD.DG).
Das bedeutet konkret: Wer beim ÖAGG eine Gruppendynamik Ausbildung absolviert, bewegt sich in einem breiteren Kontext, der auch therapeutische und klinische Perspektiven einschließt. Die Ausbildung zur/zum Gruppendynamiker:in umfasst mindestens 580 Ausbildungsstunden (60 ECTS) und ist – wie bei der ÖGGO – flexibel organisiert, sodass Kandidat:innen Bausteine nach eigenem Bedarf zusammenstellen können. Darüber hinaus bietet der ÖAGG eine eigene Ausbildung in Dynamischer Gruppenpsychotherapie, die allerdings ein psychotherapeutisches Propädeutikum voraussetzt und deutlich umfangreicher ist.
Je nachdem, wo Ihr beruflicher Schwerpunkt liegt – eher in der Organisationsentwicklung und Beratung oder im therapeutischen und psychosozialen Bereich –, kann die Wahl zwischen ÖGGO und ÖAGG daher ein entscheidender Unterschied sein.
Wie lange dauert eine Gruppendynamik Ausbildung?
Die Ausbildungsdauer variiert je nach Verein, Ausbildungsstufe und individuellem Tempo erheblich. Eine verbindliche Standardaussage ist deshalb schwierig – die folgenden Richtwerte geben jedoch eine realistische Orientierung:
Bei der DGGO dauert die Weiterbildung zur/zum „Gruppendynamischen Leiter:in“ rund eineinhalb Jahre (ca. 45 Fortbildungstage). Die darauf aufbauende Ausbildung zur/zum „Trainer:in für Gruppendynamik“ erstreckt sich über mindestens drei, in der Regel etwa fünf Jahre und umfasst 80 bis 100 Ausbildungstage. Dieser Weg schließt Co-Trainings, eigenständige Trainings unter Supervision, Theorieseminare, Mentoring und Peergruppen-Arbeit ein.
Bei der ÖGGO ist die Dauer aufgrund des selbstorganisierten Ausbildungsprinzips individuell unterschiedlich. Eine genaue zeitliche Angabe lässt sich daher nicht pauschal machen – erfahrungsgemäß bewegt sich der Weg vom ersten Training bis zur Ordentlichen Mitgliedschaft allerdings im Bereich von mehreren Jahren. Die Ausbildung umfasst Trainingsgruppen, Co-Trainings, strukturierte Trainings unter Supervision, Theorieseminare und eine Anwärtergruppe.
Beim ÖAGG dauert die Ausbildung zur/zum Gruppendynamiker:in laut Richtwert mindestens drei bis vier Jahre bei einem Umfang von 580 Ausbildungsstunden (60 ECTS). Auch hier gilt: Je nach Lerntempo und beruflicher Situation kann es länger dauern. Die weiterführende Ausbildung zur/zum Gruppendynamiktrainer:in baut darauf auf und erweitert den Zeitrahmen entsprechend.
Bei allen drei Vereinen ist die Ausbildung demnach berufsbegleitend angelegt. Sie setzt voraus, dass Kandidat:innen bereits in einem beruflichen Kontext arbeiten, in dem sie mit Gruppen und Organisationen zu tun haben – die Ausbildung ist kein Einstieg ins Berufsleben, sondern eine Professionalisierung vorhandener Praxis.
Welcher Ausbildungsverein passt zu Ihnen?
Die Wahl des richtigen Vereins hängt von mehreren Faktoren ab. Zunächst ganz pragmatisch: Wo leben und arbeiten Sie? Wenn Sie in Deutschland ansässig sind, liegt die DGGO nahe, weil die meisten Trainings und Seminare im deutschen Raum stattfinden und sich dort leichter ein beruflich relevantes Netzwerk aufbauen lässt. Sind Sie hingegen in Österreich, haben Sie die Wahl zwischen ÖGGO und ÖAGG.
Mindestens ebenso wichtig ist dabei die Frage nach Ihrer beruflichen Ausrichtung. Wenn Sie als Organisationsberater:in, Führungskraft oder Coach arbeiten und Gruppendynamik als Kompetenz für die Arbeit mit Teams und Organisationen nutzen möchten, werden Sie bei DGGO und ÖGGO einen passenden Rahmen finden. Beide Vereine betonen die Anwendung gruppendynamischen Wissens in organisationalen Kontexten. Der ÖAGG bietet demgegenüber eine Ausbildung, die stärker psychotherapeutisch verankert ist – ideal also, wenn Sie im klinischen, sozialpädagogischen oder psychosozialen Bereich tätig sind.
Grenzüberschreitend ist allerdings vieles möglich: Die gruppendynamische Community im deutschsprachigen Raum ist überschaubar und gut vernetzt. T-Gruppen werden von allen Vereinen auch für externe Teilnehmende geöffnet und seit 2025 finden erstmals gemeinsame Fachkongresse aller drei Verbände statt.
Der erste Schritt: Eine T-Gruppe erleben
Ein guter erster Schritt, bevor Sie sich für einen vollständigen Ausbildungsweg entscheiden, ist die Teilnahme an einer T-Gruppe. In fünf Tagen erleben Sie hautnah, was Gruppendynamik bedeutet – nicht als Theorie, sondern als gelebte Erfahrung. Eine solche Trainingsgruppe wird von manchen Vereinen als Baustein für die Ausbildung anerkannt. Sie gehen also kein Risiko ein, sondern sammeln eine intensive Lernerfahrung, die Ihnen gleichzeitig dabei hilft herauszufinden, ob eine vollständige Ausbildung das Richtige für Sie ist.
Gruppendynamik erleben – im nächsten Training
Unser nächstes gruppendynamisches Training findet vom 15.–19. März 2027 an der IPU Berlin statt. Alle Trainer:innen sind Mitglied in der ÖGGO. Die Teilnahme kann unter bestimmten Voraussetzungen als Baustein für eine Ausbildung bei ÖGGO oder DGGO angerechnet werden.
Teilnahmegebühren:
1.300 € für Selbstzahler:innen (Freiberufliche, Selbstständige)
1.800 € zzgl. MwSt. für Teilnehmende über Organisationen
500 € für Vollzeitstudierende
→ Was ist Gruppendynamik?
→ Was sind T-Gruppen?
→ Rollen in Gruppen: Wie sich Positionen herausbilden



