In jedem Team laufen Prozesse ab, die niemand geplant hat. Entscheidungen werden getroffen, obwohl niemand sie formal herbeigeführt hat. Regeln gelten, die nie vereinbart wurden. Personen haben Einfluss, der weit über ihre formale Rolle hinausgeht. Und Konflikte schwelen, die alle spüren, aber niemand benennt. Das sind gruppendynamische Prozesse – und sie bestimmen maßgeblich, ob ein Team arbeitsfähig wird oder an seinen eigenen Dynamiken scheitert.
Der Begriff wird dabei häufig als vage Chiffre verwendet: „Da war einfach eine schwierige Gruppendynamik.“ Solche Zuschreibungen verschleiern allerdings mehr als sie erklären. Denn gruppendynamische Prozesse sind keine mysteriösen Kräfte, sondern konkret beschreibbare Strukturbildungsvorgänge, die in jeder Gruppe ablaufen, sobald Menschen über einen Zeitraum hinweg miteinander interagieren.
Was gruppendynamische Prozesse sind
Im Kern geht es bei gruppendynamischen Prozessen um die Art und Weise, wie sich eine Gruppe als soziales System konstituiert und entwickelt. Krainz (2006) benennt die wichtigsten dieser Prozesse: die Herausbildung und Veränderbarkeit individueller Rollen und Funktionen, die Entstehung von Normen und Standards, die Bedeutung von Einfluss und Vertrauen als strukturbildende Elemente des sozialen Geschehens, Konflikte in Gruppen, die Bedeutung von Feedback für individuelles und kollektives Lernen sowie die Entstehung und Bedeutung von Autorität und Führung.
All diese Prozesse haben eine Gemeinsamkeit: Sie vollziehen sich weitgehend unterhalb der bewussten Wahrnehmung der Beteiligten. In einem Projektteam beispielsweise wird intensiv über Sachthemen diskutiert – wer welche Aufgabe übernimmt, welche Deadline gilt, wie das Budget verteilt wird. Gleichzeitig verhandelt die Gruppe jedoch implizit eine ganz andere Ebene: Wer hat hier tatsächlich Einfluss? Wessen Meinung zählt? Wie viel Offenheit ist erlaubt? Diese sozialen Strukturbildungsprozesse sind folglich die eigentlichen gruppendynamischen Prozesse – und sie bestimmen häufig den Ausgang der Sachfragen stärker als die fachlichen Argumente.
Normenbildung: Die unsichtbare Ordnung
Einer der ersten gruppendynamischen Prozesse, der in jeder neuen Gruppe abläuft, ist die Normenbildung. Gruppen entwickeln implizite Regeln darüber, was erlaubt ist und was nicht – vom Kommunikationsstil bis zur Frage, ob Kritik an der Führung geäußert werden darf, ob Emotionen Platz haben oder ob alles „sachlich“ bleiben muss.
Das Besondere an diesen Normen ist allerdings, dass sie in der Regel nie explizit vereinbart werden. Wie Kühl (2021) beschreibt, bilden sich Gruppennormen vielmehr schleichend – in alltäglichen Kommunikationen, durch kleine Signale der Billigung oder Missbilligung. Sprachnormen in Teams spielen sich so langsam ein, dass den Beteiligten kaum auffällt, wie stark ihr Verhalten davon geprägt wird. In der Anfangsphase einer Gruppe läuft die Normenbildung deshalb überraschend schnell ab, weil alle an einem wenn auch nur vorläufigen Konsens interessiert sind.
Für die Praxis bedeutet das konkret: Wenn ein Team bestimmte Themen konsequent vermeidet – etwa Kritik an der Führung, persönliche Befindlichkeiten oder die Qualität der Zusammenarbeit –, dann ist das kein Zufall und keine individuelle Entscheidung. Es ist vielmehr eine Gruppennorm, die sich etabliert hat und die deshalb nur durch bewusste Intervention verändert werden kann. Wer diese Norm hingegen anspricht, verstößt zunächst gegen sie – und erntet dafür häufig den Widerstand derjenigen, die von der bestehenden Ordnung profitieren.
Vertrauen und Misstrauen als Strukturbildung
Ein weiterer zentraler gruppendynamischer Prozess betrifft die Entwicklung von Vertrauen. Lackner (2012) beschreibt Vertrauen in Gruppen dabei nicht als stabilen Zustand, sondern als volatiles, sich ständig veränderndes Phänomen. Vertrauen muss aufgebaut werden – und es kann jederzeit wieder verloren gehen.
In der Anfangsphase einer Gruppe besteht Vertrauen allerdings zunächst nur als Vorleistung: Man tut so, als würde man den anderen vertrauen, obwohl die Erfahrungsbasis dafür noch fehlt. Lackner spricht in diesem Zusammenhang von „Ritualen“ – also unreflektierten, automatisch ablaufenden Verhaltensweisen, die die Beteiligten vor Widersprüchen und den daraus resultierenden Konflikten schützen. Das höfliche Miteinander in neuen Teams, die betonte Sachlichkeit, die Vermeidung persönlicher Themen – all das sind solche Rituale. Sie ermöglichen ein erstes Miteinander, verhindern aber zugleich die Vertiefung der Beziehungen.
Vertrauen entsteht demnach erst dann, wenn diese Rituale aufgebrochen werden – wenn jemand etwas Persönliches preisgibt, eine ehrliche Rückmeldung riskiert oder einen Konflikt anspricht. Das ist der Moment, in dem die Gruppe eine Schwelle überschreitet: von der rituellen Höflichkeit zur belastbaren Arbeitsbeziehung. Dieser Übergang ist jedoch riskant, weil er scheitern kann – und genau deshalb vermeiden ihn viele Teams dauerhaft.
Einfluss und Autorität: Der subtile Aushandlungsprozess
In jeder Gruppe findet, wie Königswieser, Wimmer und Simon (2013) beschreiben, ein höchst subtiler Aushandlungsprozess statt, in dessen Verlauf genau beobachtet wird, wie sich Einflussunterschiede herausbilden: Wer kann sich mit seiner Meinung durchsetzen? Welche Motive werden den Führungsinitiativen Einzelner unterstellt? Wer gewinnt Vertrauen, wer verliert es?
Diese in der Regel sehr konkurrenzbetonte Dynamik beruhigt sich erst, wenn ausreichend Erfahrungen gesammelt werden konnten, dass Einflussunterschiede von Situation zu Situation wechseln können und niemand die Gruppe dauerhaft für persönliche Interessen instrumentalisiert. Gruppen haben deshalb eine ausgeprägte Aversion gegenüber stabilen Einflussasymmetrien – ein Merkmal, das sie grundlegend von Organisationen unterscheidet, in denen formale Hierarchien solche Asymmetrien legitimieren.
Daraus ergibt sich für Führungskräfte ein Paradox: In ihrer Organisation sind sie durch ihre Position legitimiert. In der informellen Gruppendynamik ihres Teams müssen sie diese Legitimation jedoch ständig neu erwerben – durch Kompetenz, durch Fairness, durch die Bereitschaft, sich selbst dem Feedback der Gruppe auszusetzen. Wer das ignoriert, führt formal, aber nicht faktisch.
Gruppenprozesse verlaufen nicht linear
Ein verbreitetes Missverständnis über gruppendynamische Prozesse besteht darin, sie als linearen Ablauf zu verstehen – als hätte jede Gruppe eine festgelegte Abfolge von Phasen zu durchlaufen. Tatsächlich sind Gruppenprozesse jedoch wesentlich unberechenbarer. Krainz und Csar (2024) betonen, dass der Begriff Dynamik etymologisch auf das griechische Wort dýnamis (Kraft) zurückgeht und ein Emergenzphänomen beschreibt: die durch ein Reizklima erzeugten Effekte, bei denen man im Vorfeld nicht weiß, was am Ende herauskommen wird.
Das bedeutet konkret: Es gibt zwar typische Themen und Herausforderungen, die in jeder Gruppe auftauchen – etwa die Klärung von Zugehörigkeit, die Auseinandersetzung mit Autorität, der Aufbau von Vertrauen, der Umgang mit Verschiedenheit. Die Reihenfolge, die Intensität und die Art, wie eine bestimmte Gruppe diese Themen bearbeitet, sind jedoch nicht vorhersagbar. Jede Gruppe schreibt insofern ihre eigene Geschichte.
Lackner (2012) beobachtet in ihrer Forschung zu Vertrauen in Gruppen entsprechend, dass das „unendlich Mögliche von Gruppenentwicklungsprozessen“ zwar in Phasenmodellen reduziert und fassbar gemacht werden kann – dass diese Modelle aber immer nur Annäherungen sind, keine Gebrauchsanweisungen. Wer sie als Rezept versteht, verfehlt gerade das, was Gruppen ausmacht: ihre Unberechenbarkeit.
Was gruppendynamische Prozesse für den Berufsalltag bedeuten
Die beschriebenen Prozesse – also Normenbildung, Vertrauensaufbau, Einflusskämpfe, Konfliktvermeidung – laufen in jedem Team ab, ob im agilen Sprint-Team, im Vorstandsgremium oder in der Projektgruppe. Der Unterschied besteht darin, ob sie bewusst wahrgenommen und bearbeitet werden oder ob sie im Verborgenen die Arbeitsfähigkeit des Teams bestimmen.
Für Führungskräfte heißt das: Wenn ein Meeting chronisch ergebnislos bleibt, wenn Entscheidungen zwar getroffen, aber nicht umgesetzt werden, wenn „eigentlich alles klar ist“ und trotzdem nichts vorangeht – dann liegt das Problem vermutlich nicht auf der Sachebene, sondern in unbearbeiteten gruppendynamischen Prozessen.
Berater:innen und Coaches brauchen deshalb vor allem die Fähigkeit, gruppendynamische Prozesse zu lesen – also zu erkennen, welche Normen gerade wirksam sind, wie das Vertrauensniveau ist, wo informelle Macht liegt und welche Konflikte latent schwelen. Das ist das eigentliche Handwerkszeug der Arbeit mit Gruppen.
Und für Agile Coaches und Scrum Master gilt entsprechend: Retrospektiven bleiben oberflächlich, solange die gruppendynamischen Prozesse im Team nicht angesprochen werden dürfen. Selbstorganisation wird erst möglich, wenn ein Team in der Lage ist, seine eigenen Prozesse zu reflektieren – und dafür braucht es ein Bewusstsein für genau diese Dynamiken.
Gruppendynamische Prozesse erfahren – in der T-Gruppe
Die gruppendynamische Trainingsgruppe macht diese Prozesse unter Laborbedingungen erlebbar. In der T-Gruppe gibt es keine externe Aufgabe und keine formale Struktur – dadurch treten die gruppendynamischen Prozesse in den Vordergrund, die in Alltagsgruppen normalerweise im Hintergrund ablaufen: die Bildung von Normen, der Aufbau von Vertrauen, die Verteilung von Einfluss und der Umgang mit Konflikten.
Wie Krainz (2006) beschreibt, werden gruppendynamische Prozesse in der T-Gruppe gleichzeitig erlebt und beobachtet. Die Teilnehmenden lernen, wie der Gruppenprozess und die eigene Position darin zusammenhängen. Dieser unmittelbare Zusammenhang von Erleben und Reflexion ist es, der die T-Gruppe zu einem Lernsetting macht, das sich durch keine andere Methode ersetzen lässt.
Gruppendynamische Prozesse am eigenen Beispiel erleben
Im gruppendynamischen Training erleben Sie hautnah, wie Gruppen entstehen, sich entwickeln und welche Rolle Sie selbst dabei spielen. In fünf intensiven Tagen machen Sie die Erfahrung, die kein Fachbuch vermitteln kann.
Das nächste gruppendynamische Training findet vom 15.–19. März 2027 an der IPU Berlin statt.
Teilnahmegebühren:
1.300 € für Selbstzahler:innen (Freiberufliche, Selbstständige)
1.800 € für Teilnehmende über Organisationen
500 € für Vollzeitstudierende
Quellenverweise
Königswieser, R., Wimmer, R. & Simon, F. B. (2013): Back to the Roots? Die neue Aktualität der (systemischen) Gruppendynamik. OrganisationsEntwicklung, 1/2013, 65–73.
Krainz, E. E. (2006): Gruppendynamik als Wissenschaft. In: Heintel, P. (Hrsg.): betrifft: TEAM. Dynamische Prozesse in Gruppen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 7–28.
Krainz, U. & Csar, M. (2024): Zur Aktualität von Gruppendynamik und ihren Anwendungsfeldern. Gruppe. Interaktion. Organisation (GIO), 55, 461–465.
Kühl, S. (2021): Die folgenreiche Verwechslung von Teams, Cliquen und Gruppen. Gruppe. Interaktion. Organisation (GIO), 52, 417–434.
Lackner, K. (2012): Vertrauen in Gruppen. In: Möller, H. (Hrsg.): Vertrauen in Organisationen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. DOI: 10.1007/978-3-531-94052-6_6.
→ Was ist Gruppendynamik?
→ Was sind T-Gruppen?
→ Rollen in Gruppen: Wie sich Positionen herausbilden




