In der Beratungsszene begegnet man immer wieder dem Begriff „systemische Gruppendynamik“ – als handle es sich um ein neues Hybrid, eine Verschmelzung zweier eigenständiger Traditionen. Hier die Gruppendynamik, dort die Systemtheorie, und irgendwo dazwischen entsteht etwas Neues. Diese Vorstellung klingt plausibel, ist aber falsch. Denn die Gruppendynamik war von ihren Anfängen an systemisch – lange bevor die Systemtheorie als Disziplin überhaupt existierte.
Wer die Geschichte beider Traditionen kennt, erkennt deshalb schnell: „Systemische Gruppendynamik“ ist kein Fortschritt, sondern ein Pleonasmus. Die Pointe liegt darin, dass die Systemtheorie der Gruppendynamik dabei geholfen hat, sich selbst besser zu verstehen – nicht aber darin, dass sie ihr etwas Neues hinzugefügt hätte.
Was „systemisch“ in der Gruppendynamik bedeutet
Kurt Lewin, der Begründer der Gruppendynamik, formulierte bereits in den 1940er Jahren den Kernsatz, der alles Folgende bestimmt: Eine Gruppe ist eine „Gestalt“, die sich aus der Relation ihrer Teile konstituiert. Sie bildet einen „psychologischen Organismus“, der etwas anderes ist als eine Ansammlung von Personen (vgl. Krainz 2005). Die Kohäsion einer Gruppe wird demnach durch die Interdependenz der Mitglieder bestimmt, nicht durch gleiche Einstellungen.
Das ist, auf der Ebene der Differenz von Teil und Ganzem, im Kern dieselbe Aussage, die auch die Systemtheorie formuliert: Die Eigenschaften eines sozialen Systems lassen sich nicht aus den Eigenschaften der Einzelteile ableiten. Lewin nannte seinen Ansatz „Feldtheorie“ – ein Kräftefeld, in dem alle Faktoren gleichzeitig wirken und sich wechselseitig bedingen. Die Gestalttheorie, auf der Lewins Arbeit aufbaut, formuliert dabei, wie Krainz (1990) zeigt, „nahezu textgleich“ mit der Systemtheorie – allerdings nur auf dieser Ebene. Denn Luhmanns Systemtheorie arbeitet nicht mehr mit der Differenz von Teil und Ganzem, sondern mit der Differenz von System und Umwelt, was eine andere theoretische Architektur darstellt.
Die Klagenfurter Position: „Gute Gruppendynamik war immer schon systemisch“
Krainz (2013) bringt diesen Zusammenhang auf eine prägnante Formel: „Gute Gruppendynamik war aus meiner Sicht immer schon ‚systemisch‘, und wenn sie nicht systemisch war, war sie keine gute Gruppendynamik.“ Damit formuliert er eine Position, die sich explizit gegen die Vorstellung wendet, die Systemtheorie habe der Gruppendynamik etwas grundlegend Neues gebracht.
Die Unterscheidung war vielmehr immer schon da: Gruppendynamik befasst sich mit den Interaktionen zwischen Individuen, nicht mit den Innerlichkeiten dieser Individuen. Das war, wie Krainz betont, immer schon die Unterscheidung zwischen Psychologie als Wissenschaft vom Individuum und Gruppendynamik als Wissenschaft von der Interaktion dieser Individuen. Manche benötigten für die Erkenntnis dieses Unterschieds allerdings erst die Sprache der Systemtheorie.
Krainz hatte diese These bereits 1990 in seinem Aufsatz „Alter Wein in neuen Schläuchen?“ systematisch ausgearbeitet. Sein zentrales Argument: Die gruppendynamische Gestalttheorie und die Systemtheorie formulieren auf der Ebene der Differenz von Teil und Ganzem „nahezu textgleich“ – die Charakteristik eines Teils ergibt sich aus der dynamischen Positionierung im Gesamtgefüge. Wenn Luhmann sage, soziale Systeme bestünden nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikationen, so erinnere das an die gruppendynamische Annahme, dass eine Gruppe nicht aus Individuen bestehe, sondern aus Beziehungen und Beziehungen von Beziehungen (vgl. Krainz 1990).
Gleichzeitig markiert Krainz (1990) jedoch auch die Grenzen der Kompatibilität. Die Systemtheorie Luhmanns sei ein Beschreibungsmodell sozialer Wirklichkeit, aber keine Praxeologie – sie liefere Beschreibungen, sage aber nicht, wie man in den Selbstlauf von Systemen eingreifen kann. Die Gruppendynamik dagegen hat genau diesen Anspruch: Sie will soziale Systeme über diejenigen, die an ihnen teilhaben und von ihnen betroffen sind, „zu einem höheren Bewusstsein ihrer selbst bringen und damit ihre bewusste Handlungsfähigkeit erhöhen“. Darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer Theorie, die Systeme beschreibt, und einer Praxis, die sie verändert.
Warum die Abgrenzung dennoch passierte
Wenn die systemische Gruppendynamik kein neues Konzept ist – warum wurde dann die Abgrenzung betrieben? Krainz (2013) beschreibt den historischen Kontext mit bemerkenswerter Offenheit: Als die „Wiener Schule der systemischen Organisationsberatung“ ausgerufen wurde, hatte er den Eindruck, dass dabei eine Verleugnung der Herkunft aus der Gruppendynamik betrieben wurde. Was bei der Verkündigung der neuen Lehre implizit als Gruppendynamik hingestellt wurde, war demnach eine „Karikatur“ – ein Pappkamerad zur Erleichterung der Abgrenzung.
Der systemtheoretische Vorwurf lautete, die Gruppendynamik sei von einem „psychologistischen Reduktionismus“ umwölkt – sie reduziere also das Gruppengeschehen auf individuelle Psychologien. Krainz hält dem jedoch entgegen, dass dieser Vorwurf zwar auf Teile der Szene zutrifft, aber eben nur auf Teile. Eine Gruppendynamik, die sich auf individuelle Befindlichkeiten konzentriert statt auf das Interaktionsgeschehen, verfehlt ihren eigenen Gegenstand – unabhängig davon, ob man das systemtheoretisch oder anders begründet.
Was die Systemtheorie zur systemischen Gruppendynamik beigetragen hat
Wenn die Grundidee dieselbe ist – worin liegt dann der tatsächliche Beitrag der Systemtheorie? Er liegt nicht in einem neuen Paradigma, sondern vielmehr in einer Präzisierung der Sprache. Königswieser, Wimmer und Simon (2013) haben unter dem Titel „Back to the Roots? Die neue Aktualität der (systemischen) Gruppendynamik“ die Klammern um „systemisch“ gesetzt – und damit die These markiert, dass die systemische Perspektive nicht etwas zur Gruppendynamik Hinzukommendes ist, sondern etwas in ihr bereits Enthaltenes.
Konkret hat die systemtheoretische Perspektive dabei geholfen, drei Dinge sprachlich zu präzisieren, die in der gruppendynamischen Praxis bereits vorhanden waren. Erstens die Unterscheidung zwischen dem Sozialsystem Gruppe und den Individuen, die es konstituieren – eine Einsicht, die Lewin mit der Gestalttheorie bereits formuliert hatte, die aber durch die systemtheoretische Reformulierung theoretisch schärfer fassbar wurde. Zweitens die Analyse des Verhältnisses von Gruppe und Organisation als zwei verschiedene Sozialformen mit unterschiedlicher Logik – ein Thema, das die Gruppendynamik aus ihrer eigenen Praxis heraus schon länger bearbeitet hatte (vgl. Brinkmann et al. 2017), das aber durch systemtheoretische Begrifflichkeit analytisch klarer wurde. Drittens die Beschreibung von Normenbildung, Rollenbildung und Machtdynamiken – der eigentliche Gegenstand der Gruppendynamik seit ihren Anfängen, den die Systemtheorie in ihrer eigenen Sprache neu formuliert, aber nicht entdeckt hat.
Die T-Gruppe als Hybrid: Pelikans systemtheoretische Rekonstruktion
Eine besonders konsequente Anwendung der Systemtheorie auf die Gruppendynamik hat Pelikan (2004) vorgelegt. Er schlägt vor, die T-Gruppe als „Hybrid von Organisation und Interaktion“ zu verstehen – also nicht als Gegenteil von Organisation, sondern als eine spezifische Verbindung beider Sozialformen. Das GD-Seminar ist demnach ein Organisationssystem (mit entschiedener Mitgliedschaft, Rollenstruktur, Zeitvorgaben), das innerhalb seines Rahmens ein besonderes Interaktionssystem ermöglicht: die T-Gruppe.
Diese Perspektive löst einen alten Widerspruch auf. Die Gruppendynamik hat sich traditionell als Gegenteil von Organisation verstanden – als den Ort, an dem persönliche Kommunikation stattfinden kann, die in Organisationen keinen Platz hat. Pelikan zeigt jedoch, dass diese Gegenüberstellung analytisch nicht haltbar ist: Die T-Gruppe kann nur innerhalb eines organisatorischen Rahmens existieren. Ohne die Entscheidungen des Staffs (Gruppeneinteilung, Zeitstruktur, Arbeitsauftrag) gäbe es kein Interaktionssystem T-Gruppe. Gleichzeitig ist das, was in der T-Gruppe geschieht, nicht durch die Organisation bestimmbar – es folgt der Eigenlogik von Interaktion unter Anwesenden.
Für die Praxis der systemischen Gruppendynamik bedeutet das: Wer gruppendynamisch arbeitet, arbeitet immer in diesem Hybrid. Die organisationalen Rahmenbedingungen (Rollen, Zeitstruktur, Zusammensetzung) und die Interaktionsdynamik (Normenbildung, Machtverteilung, emotionale Prozesse) sind nicht zu trennen. Gute gruppendynamische Arbeit erfordert deshalb ein Verständnis für beide Ebenen – und für deren Wechselwirkung.
Systemische Gruppendynamik in der Praxis: Warum die Unterscheidung wichtig ist
Für Berater:innen, Coaches und Führungskräfte, die mit Gruppen und Teams arbeiten, ist diese Klärung allerdings keineswegs akademisch. Denn sie beantwortet eine praktische Frage: Muss ich mich entscheiden – entweder systemisch oder gruppendynamisch?
Die Antwort lautet: Nein. Wer gruppendynamisch arbeitet, arbeitet bereits systemisch – sofern er oder sie das Interaktionsgeschehen in den Blick nimmt und nicht bei individuellen Persönlichkeitsmerkmalen stehen bleibt. Wer dagegen „systemisch“ arbeitet, aber die emotionale Dynamik von Gruppen, die Autoritätsthematik und die Bedeutung von Beziehungen ausblendet, der arbeitet gerade nicht systemisch genug – weil er wesentliche Dimensionen des sozialen Systems ignoriert.
Krainz (2013) identifiziert dabei ein verbreitetes Problem in der systemischen Szene: Die Kategorie Autorität wird von manchen als „verstaubtes Requisit“ verworfen, die Relevanz von Emotionen wird funktionalistisch wegerklärt. Die Gruppendynamik hingegen besteht darauf, dass Machtdynamiken, emotionale Prozesse und die Auseinandersetzung mit Autorität konstitutive Bestandteile jedes sozialen Systems sind – nicht Störungen, die es zu minimieren gilt.
Systemische Gruppendynamik erleben – in der T-Gruppe
Nirgends wird die Verbindung von systemischer Perspektive und gruppendynamischer Praxis deutlicher als in der T-Gruppe. Die Trainingsgruppe ist folglich das Lernsetting, in dem die Teilnehmenden am eigenen Beispiel erfahren, was es heißt, Teil eines sozialen Systems zu sein, dessen Prozesse sie gleichzeitig mitgestalten und beobachten.
Die T-Gruppe macht dabei erlebbar, was die Systemtheorie theoretisch beschreibt: dass sich Rollen, Normen und Einflussstrukturen emergent herausbilden, dass die Gruppe als Ganzes andere Eigenschaften hat als die Summe ihrer Mitglieder und dass Veränderungen an einer Stelle des Systems Auswirkungen auf alle anderen Stellen haben. Der entscheidende Unterschied zum systemtheoretischen Seminar: In der T-Gruppe wird dieses Wissen nicht gelehrt, sondern erlebt. Genau darin liegt das Lernpotenzial, das kein Lehrbuch ersetzen kann (vgl. Krainz 2006). Wer systemische Gruppendynamik nicht nur verstehen, sondern praktizieren will, braucht deshalb diese Erfahrung.
Systemisches Denken am eigenen Beispiel erfahren
Im gruppendynamischen Training erleben Sie, was es bedeutet, Teil eines sozialen Systems zu sein – und wie Sie darin wirksamer werden. In fünf intensiven Tagen erfahren Sie die systemische Gruppendynamik nicht als Theorie, sondern als Praxis.
Das nächste offene Training findet vom 15.–19. März 2027 statt.
Teilnahmegebühren:
1.300 € für Selbstzahler:innen (Freiberufliche, Selbstständige)
1.800 € zzgl. MwSt. für Teilnehmende über Organisationen
500 € für Vollzeitstudierende
Quellenverweise
Brinkmann, B., Faßnacht, M., Gerber-Velmerig, M., Hegnauer-Schattenhofer, I. & Weigand, W. (2017): Ähnlich, aber anders. Zum Verhältnis von Gruppendynamik und Organisationsdynamik. Gruppe. Interaktion. Organisation (GIO). DOI: 10.1007/s11612-017-0374-6.
Königswieser, R., Wimmer, R. & Simon, F. B. (2013): Back to the Roots? Die neue Aktualität der (systemischen) Gruppendynamik. OrganisationsEntwicklung, 1/2013, 65–73.
Krainz, E. E. (1990): Alter Wein in neuen Schläuchen? Zum Verhältnis von Gruppendynamik und Systemtheorie. Gruppendynamik. Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie, 21(1), 29–43.
Krainz, E. E. (2005): Erfahrungslernen in Laboratoriumssettings. In: Falk, G., Heintel, P. & Krainz, E. E. (Hrsg.): Handbuch Mediation und Konfliktmanagement. Wiesbaden: Springer VS, S. 311–326.
Pelikan, J. M. (2004): Gruppendynamik als Hybrid von Organisation und Interaktion. Eine systemtheoretische Analyse inszenierter persönlicher Kommunikation. Gruppendynamik und Organisationsberatung, 35(2), 133–160.
Krainz, E. E. (2006): Gruppendynamik als Wissenschaft. In: Heintel, P. (Hrsg.): betrifft: TEAM. Dynamische Prozesse in Gruppen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 7–28.
Krainz, E. E. (2013): Zur aktuellen Situation der Gruppendynamik als Wissenschaft und als Praxis. supervision – Mensch. Arbeit. Organisation, 31(2), 37–41.
→ Was ist Gruppendynamik?
→ Was sind T-Gruppen?
→ Gruppendynamische Prozesse
→ Rollen in Gruppen





