Rangdynamik Schindler

Rangdynamik Raoul Schindler: Was das Positionsmodell über Gruppen verrät

Kaum ein gruppendynamisches Konzept ist so weit in die Alltagssprache eingegangen wie die Rangdynamik Raoul Schindler. „Alpha“, „Omega“, „Beta-Position“, „Sündenbock“ – diese Begriffe tauchen heute in Teammeetings, Beratungsgesprächen und Führungstrainings auf, oft ohne dass die Sprechenden ihre Herkunft kennen. Entwickelt wurde das Modell allerdings nicht in einem Führungskontext, sondern in der klinischen Arbeit des Wiener Psychiaters und Psychoanalytikers Raoul Schindler mit psychotisch erkrankten Menschen und deren Angehörigen. Sechs Jahrzehnte später ist es zudem einer der am meisten zitierten – und zugleich am häufigsten missverstandenen – Bezugsrahmen für das Verständnis von Gruppen.

Dieser Artikel ordnet das Modell aus gruppendynamischer Perspektive ein. Zunächst zeigt er, was Schindler tatsächlich beschrieben hat. Anschließend wird klar, welche Dynamiken zwischen den Positionen wirken und warum die Rangdynamik Schindler für Führung, Beratung und Teamarbeit nach wie vor erhellend ist. Schließlich klären wir, an welchen Stellen sie ergänzt werden muss, um die Komplexität von Gruppen angemssen zu fassen.

Raoul Schindler und der Ursprung der Rangdynamik

Raoul Schindler (1923–2014) war einer der einflussreichsten österreichischen Psychiater und Psychotherapeuten des 20. Jahrhunderts. Er entwickelte die sogenannte „Bifokale Familientherapie“, war zudem Wegbereiter der Wiener Psychiatriereform und gründete 1959 gemeinsam mit Hans Strotzka, Traugott Lindner und anderen den Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG). Aus der österreichischen gruppendynamischen Bewegung ging später auch die heute bedeutsame Österreichische Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung (ÖGGO) hervor.

Schindlers Beobachtungen basieren – das ist für das Verständnis des Modells zentral – allerdings nicht auf Trainingsgruppen oder Beratungsteams, sondern auf der klinischen Gruppentherapie mit Neurosen, Psychosen und deren Angehörigen sowie auf Erfahrungen mit Jugendlichen im Wiener Therapie-Heim. Trotzdem nahm Schindler an, dass die allgemeinen Vorgänge in diesen unterschiedlichen Gruppen „nicht spezifischen Anlässen folgen, sondern Grundprinzipien der Gruppendynamik darstellen“ (Schindler 1957a, S. 308). Erstmals publiziert hat er das Modell daher 1957 in der Zeitschrift „Psyche“ unter dem Titel „Grundprinzipien der Psychodynamik in der Gruppe“. Die Schindlersche Terminologie von Alpha, Beta, Gamma und Omega geht somit auf eine Quelle aus dem psychoanalytisch-therapeutischen Kontext zurück – ein Detail, das später für die kritische Einordnung wichtig wird.

Die fünf Positionen der Rangdynamik Schindler im Überblick

Schindler unterscheidet in seinem rangdynamischen Positionsmodell fünf Positionen, die sich in jeder Gruppe ausdifferenzieren – allerdings nicht als fixe Rollen einzelner Personen, sondern als funktionale Positionen im Gefüge der Gruppe. Sie können daher von verschiedenen Personen besetzt werden, wechseln im Lauf eines Prozesses und sind zudem nicht zu jeder Zeit alle besetzt. Die Buchstaben des griechischen Alphabets entlieh Schindler dabei aus der bereits 1922 von Thorleif Schjelderup-Ebbe beschriebenen Hackordnung bei Hühnern.

Alpha: Die Person, an der sich die Gruppe orientiert

Alpha (α) ist diejenige Person, an der sich die Gruppe in ihrer aktuellen Bewegungsrichtung orientiert. Sie verkörpert das, was die Gruppe gerade will oder werden möchte. Alpha ist allerdings nicht zwangsläufig die formell ernannte Führungsperson – häufig ist es jemand anderes, der oder die in einem bestimmten Moment die Stimmungslage, die Aktionsbereitschaft und die Wertorientierung der Gruppe am stärksten repräsentiert. Die Gammas identifizieren sich mit Alpha und leihen sich deren Energie und Affekte. Wer in Alpha-Position ist, erfährt sich somit getragen – und kann genau deshalb leicht den Bezug zur Realität verlieren, wenn die Gruppe nicht bereit ist, ihn oder sie zu korrigieren.

Beta: Die Spezialist:innen mit dem distanzierten Blick

Beta (β) ist hingegen die Position der Spezialist:innen und Berater:innen. Beta-Personen sind emotional gegenüber dem gemeinsamen Gegenüber der Gruppe relativ unabhängig. Sie stehen daher etwas neben der affektiven Hauptachse zwischen Alpha und Omega. Diese geringere emotionale Befangenheit ermöglicht ihnen einen scheinbar objektiveren Blick auf die Gesamtsituation. Beta-Personen sind oft diejenigen, die mit Fachwissen, Erfahrung oder Methodenkompetenz ausgestattet sind und Alpha beraten – allerdings nicht selbst die Gruppe anführen. In dieser Sonderstellung liegt zugleich eine Ambivalenz: Beta kann jederzeit in die G-Position wechseln, also vom Berater zum Gegner werden – ein Muster, das in Organisationen häufig zu beobachten ist, wenn Stäbe sich von ihren Vorgesetzten emanzipieren.

Gamma: Die Mitglieder, die die Gruppe tragen

Gamma (γ) ist die Position der „normalen“ Gruppenmitglieder, die die manifeste Leistung der Gruppe tragen, ohne die Willensbildung selbst zu betreiben. Sie agieren dabei in der Identifikation mit Alpha. In der Beschreibung Schindlers wird sichtbar, dass die Gammas ihre Arbeit als mühelos erleben, solange die Gruppe nach innen kohäsiv ist und nach außen ein gemeinsames Gegenüber hat. Werden sie hingegen überfordert oder verliert die Gruppe ihre Richtung, beginnen Phantasien des Austritts oder oppositionelle Gedanken aufzutreten. Wie sehr Gamma-Positionen von affektiver Bindung leben – und wie verletzlich diese Bindung ist – zeigt sich gerade in solchen Momenten.

Omega: Die Position des Widerstands in der Rangdynamik nach Schindler

Omega (ω) ist hingegen die Position, in der sich die Ambivalenz, die Zögerlichkeit oder der Widerstand der Gruppe gegenüber Alpha kristallisiert. Omega geht der Bewegungsrichtung Alphas am zurückhaltendsten nach – manchmal, indem er oder sie sich verweigert, manchmal hingegen indem sie das vermeintliche Gruppenziel sogar überholt und damit den Alpha-Anspruch in Frage stellt. Wichtig ist dabei: Omega ist nicht der unfähige Außenseiter, sondern derjenige, der – oft unbewusst – das ausspricht oder verkörpert, was viele in der Gruppe fühlen, aber nicht zu sagen wagen. Omega trägt somit die verdrängten Anteile der Gruppe. Genau deshalb ist die Position so gefährlich für die Person, die sie einnimmt: Die Gruppe richtet ihre Aggression gegen Omega, weil sie damit ihre eigene Ambivalenz nicht aushalten muss.

Ein entscheidender Punkt der Rangdynamik nach Schindler liegt zudem in folgender Beobachtung: Wird die Omega-Person aus der Gruppe ausgeschlossen, löst sich die Dynamik trotzdem nicht auf. Stattdessen bildet sich ein neuer Omega. Die Omega-Position ist somit ein strukturelles Phänomen, kein individuelles. Wer in einer Gruppe immer wieder „den schwierigen Menschen“ erlebt, sollte sich daher diesen Mechanismus vor Augen halten – die Gruppe braucht diese Position, um ihre eigene Ambivalenz zu externalisieren.

G: Das Gegenüber, an dem sich die Gruppe konstituiert

Die fünfte Position liegt außerhalb der Gruppe und ist Schindlers vielleicht originellster Beitrag: G steht für das gemeinsame Gegenüber, an dem sich die Gruppe als Gruppe überhaupt erst herstellt. G kann dabei ein realer Gegner sein – ein Konkurrenzunternehmen, eine andere Abteilung, eine zu lösende Aufgabe –, allerdings auch ein Ziel, eine Bedrohung oder ein gemeinsames Projekt. Schindler nutzte hierfür den Buchstaben „G“ für „Gegner“, was, wie er selbst anmerkte, immer wieder zu Missverständnissen geführt hat: Gemeint ist „Gegner“ jedoch im allgemeinen Sinne eines Gegenübers, an dem sich Gruppen formieren. Ohne G keine Gruppe – das ist somit die radikale Implikation der Rangdynamik nach Schindler.

Die bipolare Struktur: Alpha–Omega und Gruppe–G

Die fünf Positionen sind nicht zufällig angeordnet. Das Modell hat vielmehr eine bipolare Struktur, die sich auf zwei Achsen abbildet. Die erste Achse läuft horizontal zwischen Alpha und Omega: Sie ist die affektive Hauptachse innerhalb der Gruppe und macht die innere Spannung sichtbar. Die zweite Achse läuft hingegen zwischen der Gruppe und G – sie zeigt, wofür oder wogegen sich die Gruppe gerade konstituiert.

Diese bipolare Struktur ist allerdings mehr als eine Visualisierung. Sie erklärt zudem, warum Gruppen wieder und wieder ähnliche Muster produzieren: Alpha führt die Gruppe in eine Richtung, Omega bremst, Beta beobachtet, Gamma trägt mit. Solange ein gemeinsames G existiert, bleibt die Gruppe somit kohäsiv. Verschwindet G hingegen, löst sich die Spannung – und die Gruppe muss sich neu erfinden oder droht zu zerfallen. Wer dieses Prinzip einmal erkannt hat, wird daher verstehen, warum Organisationen so oft Gegner brauchen: Konkurrenten, externe Bedrohungen, kritische Stakeholder. Ohne G keine Gemeinschaft.

Wie Positionen entstehen – und warum sie wechseln

Ein zentraler Punkt, der in der populären Rezeption oft verloren geht: Schindler beschreibt keine festen Charaktertypen. Vielmehr sind die Positionen dynamisch und situationsabhängig. Wer in einer Sitzung Alpha ist, kann in der nächsten Omega werden – und umgekehrt. Im Entwicklungsprozess einer Gruppe lässt sich daher häufig ein Aufsteigen von Omega über Gamma in Richtung Beta oder Alpha beobachten – und ebenso ein Abstieg bei Verschlechterungen. Auch Beta kann in G-Position wechseln, also vom Berater zum Gegner werden. Die Gruppe reagiert somit auf solche Verschiebungen wie ein feines Sensorium für die innere Verfassung ihrer Mitglieder.

Schon hier wird deutlich, dass die Rangdynamik Schindler nicht als Schablone funktioniert, die man einer Person aufdrückt. Stattdessen funktioniert sie als Beobachtungsraster, mit dem sich nachvollziehen lässt, welche Position in einem konkreten Moment besetzt ist – und welche Konsequenzen das für das Geschehen hat. Wer das Modell hingegen statisch verwendet, missversteht es im Kern. Genau hier liegt zudem einer der zentralen Kritikpunkte, auf die wir gleich noch zu sprechen kommen.

Was die Rangdynamik in der Praxis sichtbar macht

Die praktische Stärke der Rangdynamik liegt in ihrer Diagnose-Funktion. Wer in einer beratenden, führenden oder moderierenden Rolle in eine Gruppe blickt und sich fragt, „Wer ist hier gerade Alpha? Wer Omega? Wofür oder wogegen formiert sich diese Gruppe?“, versteht oft mit wenigen Beobachtungen mehr als durch jede Sachanalyse. Drei Anwendungsfelder sind dabei besonders aufschlussreich.

Führung: Wer ist eigentlich Alpha?

Eine formell ernannte Führungskraft ist nicht automatisch Alpha. Sie kann zwar formal an der Spitze stehen, aber faktisch in Beta-Position sein, während eine andere Person die affektive Führung übernommen hat. Umgekehrt kann eine Führungskraft in Alpha-Position sein und doch eine Konkurrenz-Alphafigur in den eigenen Reihen haben. Wer Teams führt, ohne diese Differenz wahrzunehmen, kämpft daher an den falschen Fronten. Gerhard Schwarz beschreibt in seinem Konfliktmanagement-Buch genau dieses Muster: Wertigkeit von Funktionen und hierarchische Rangposition fallen nicht notwendigerweise zusammen – „in einem hierarchisch geordneten Unternehmen“ können „zwei nebeneinander bestehende Ordnungen existieren: die Rangordnung, die sich im Leistungswettkampf ergibt, und die durch Regeln festgelegte hierarchische Rangordnung“ (Schwarz 2014, S. 167).

Beratung: Wenn Beta zum Gegner wird

Wer als Coach oder Berater:in mit einem Team arbeitet, betritt eine bestehende Konstellation. Wird man zunächst als Beta-Spezialist:in eingeladen, ist die Distanz zur Alpha-Omega-Achse anfangs ein Vorteil – allerdings kann sie jederzeit kippen, wenn die Beratung als bedrohlich erlebt wird. Genau das ist der Punkt, an dem Beta in G-Position rutscht: Plötzlich wird der externe Profi zum Gegner, an dem sich die Gruppe abarbeitet. Wer dieses Muster jedoch vorhersieht, kann es nutzen, statt sich davon überraschen zu lassen.

Agile Teams und Scrum: Flache Hierarchien, klare Ränge

Gerade dort, wo Hierarchien formal flach sind, wird die Rangdynamik besonders sichtbar – und damit auch besonders relevant. In agilen Settings, die explizit auf Selbstorganisation setzen, bilden sich informelle Alpha- und Omega-Positionen oft schneller und rigider aus als in klassisch hierarchischen Teams, weil die formale Struktur fehlt, die diese Dynamiken sonst überlagert. Ein Scrum Master, der die Rangdynamik Schindler nicht zu lesen weiß, riskiert daher, dass die Selbstorganisation in eine informelle Hierarchie kippt, in der die offiziell „gleichberechtigten“ Teammitglieder de facto Gamma-Positionen einnehmen.

Kritische Einordnung der Rangdynamik Schindler: Stärken und Grenzen

So instruktiv das Modell ist, so wichtig ist es zugleich, seine Grenzen zu kennen. Die wissenschaftliche Gruppendynamik hat das Modell von Beginn an differenziert aufgenommen und an mehreren Stellen kritisiert. Vier dieser Einwände sind für die praktische Anwendung besonders bedeutsam.

Reduktion auf den Autoritätsaspekt

Andreas Amann hat das in seiner sozialisationstheoretischen Arbeit zum „gruppendynamischen Raum“ prägnant formuliert: „Die geläufigen gruppendynamischen Phasenmodelle reduzieren die Komplexität des gruppendynamischen Prozesses entweder auf den Autoritätsaspekt wie die Rangdynamik von Raoul Schindler oder trennen sie in eine sukzessive Abfolge des Macht- und Näheaspekts wie bei Bennis“ (Amann 2003/2004, S. 33). Schindlers Modell sieht somit vor allem die vertikale Achse – wer führt, wer folgt, wer widerstrebt. Was es hingegen weniger gut erfasst, sind die Dimensionen von Zugehörigkeit (drinnen–draußen) und Intimität (nah–fern), die in jeder Gruppe ebenso bestimmend wirken. Die Drei-Polaritäten-Formel „oben–unten, drinnen–draußen, nah–fern“, die Amann von Don Nylen übernimmt und die später auch König und Schattenhofer aufgegriffen haben, ergänzt daher die Rangdynamik um genau diese Dimensionen (Amann 2003/2004, S. 33; König & Schattenhofer 2018).

Tradition der Gruppentherapie, nicht der Gruppendynamik

Schindler hat sein Modell in der klinischen Arbeit entwickelt, allerdings nicht in T-Gruppen oder Trainingsgruppen. Gerhard Schwarz, der mit Schindler 1962 bei einem Wiener Gruppendynamik-Seminar gemeinsam als Trainer arbeitete, schildert dazu einen aufschlussreichen Konflikt zwischen Schindler und Traugott Lindner: Schindler vertrat die Position, dass Soziogramm-Ergebnisse als Informationen ausschließlich für den Therapeuten gedacht seien; Lindner hingegen hielt entgegen, dass gerade die Bekanntgabe an die Gruppe den Lernprozess ermögliche. „Du bist ein Gruppenstatiker und kein Gruppendynamiker!“, brüllte Lindner Schindler an. Dieser Streit führte laut Schwarz in Österreich zur Trennung zwischen den therapeutisch und den gruppendynamisch ausgerichteten Gesellschaften (Schwarz 2015, S. 354). Die Episode ist somit kein Anekdötchen. Sie markiert vielmehr eine grundlegende Differenz: Die Gruppendynamik in der Tradition Lewins betrachtet Gruppen als Lernsysteme, während der therapeutische Zugang Schindlers sie eher als Diagnosesysteme begriff. Das prägt das Modell bis heute.

Statisches Missverständnis statt dynamische Lesart

Auch wenn Schindler selbst betont hat, dass die Positionen dynamisch sind und wechseln, lädt das Modell trotzdem zur Stereotypisierung ein. Aus „Person X ist gerade in Omega-Position“ wird in der populären Rezeption schnell „Person X ist ein Omega“. Diese Verkürzung verfehlt allerdings die eigentliche gruppendynamische Pointe: Es ist die Gruppe, die die Positionen produziert – nicht der Einzelne, der eine bestimmte Position „mitbringt“. Wer Mitarbeitende hingegen als „Omegas“ stigmatisiert, verschiebt die Verantwortung von der Gruppe auf das Individuum und verfehlt damit, was Schindler eigentlich gemeint hat. Eine differenzierte Relektüre des Modells legt etwa der Beitrag von Spaller (2018) in der Zeitschrift „Gruppe. Interaktion. Organisation.“ nahe.

Vor der systemischen Wende

Wer heute gruppendynamisch arbeitet, denkt Gruppen als Kommunikationssysteme. Die Rangdynamik ist hingegen – bei aller Brillanz – ein Modell aus dem Repertoire der Sozialpsychologie und Psychoanalyse der 1950er Jahre. Sie erfasst zwar affektive Bindungen und Identifikationsprozesse hervorragend, allerdings hat sie keinen Begriff für die Eigendynamik sozialer Systeme, für die strukturelle Kopplung an Organisationen oder für die personenbezogene Erwartungsbildung, die moderne Gruppensoziologie als definitorisches Kernkriterium von Gruppen herausarbeitet (Kühl 2020). Das macht das Modell zwar nicht falsch, jedoch ergänzungsbedürftig.

Rangdynamik Schindler in der T-Gruppe erleben

Die Rangdynamik in der Theorie zu studieren, ist eine Sache. Sie hingegen in der eigenen Gruppenerfahrung wiederzuerkennen, ist eine ganz andere. Genau das ist der Punkt, an dem die gruppendynamische Trainingsgruppe (T-Gruppe) ihre besondere Lehrwirkung entfaltet. In der T-Gruppe gibt es zudem keine vorgegebene Aufgabe, keine Tagesordnung, keine formelle Hierarchie – und genau deshalb wird sichtbar, wie sich Alpha-, Beta-, Gamma- und Omega-Positionen aus dem Geschehen heraus herausbilden. Teilnehmende erleben somit am eigenen Beispiel, wie sie selbst in eine Position rutschen, wie diese Position sie zu prägen beginnt – und wie sie sich verändert, sobald sich die Konstellation der Gruppe ändert.

Wer einmal erlebt hat, was es heißt, kurzzeitig in der Omega-Position einer Gruppe zu sein – jene merkwürdige Erfahrung, plötzlich der Adressat von kollektiver Aggression zu werden, ohne genau zu wissen, warum – versteht die Rangdynamik Schindler auf eine Weise, die kein Lehrbuch vermitteln kann. Das gilt zudem für alle Positionen. Es ist das, was im Gruppendynamischen das „Erfahrungslernen unter Laborbedingungen“ genannt wird: das Geschehen am eigenen Leib erleben, gleichzeitig beobachten und dann gemeinsam reflektieren.

Für Berater:innen, Coaches und Supervisor:innen bedeutet diese Erfahrung methodische Tiefe: Sie verstehen nicht nur kognitiv, was Rangdynamik ist, sondern haben zudem einen erfahrungsbasierten Resonanzraum, aus dem heraus sie Interventionen entwickeln können. Führungskräfte wiederum lernen, ihre eigene Wirkung in der Gruppe zu lesen – also zu erkennen, ob sie tatsächlich Alpha sind oder ob sie diese Position nur formal innehaben. Agile Coaches und Scrum Master schließlich erkennen die informellen Rangdynamiken, die unter der Oberfläche jeder selbstorganisierten Struktur arbeiten, und können sie somit produktiv nutzen, statt von ihnen überrascht zu werden.

Fazit: Ein Klassiker, der gelesen werden will

Die Rangdynamik Schindler ist kein Modell, das man einmal lernt und dann routinemäßig anwendet. Vielmehr ist es ein Werkzeug, das immer wieder neu kalibriert werden muss – an der konkreten Gruppe, am konkreten Moment, an der eigenen Position als Beobachter:in. Wer es als statische Schablone benutzt, riskiert daher, das Modell falsch zu verstehen. Wer es hingegen als sensibles Beobachtungsinstrument einsetzt, gewinnt einen Zugang zu Gruppen, den weder Organigramme noch Persönlichkeitstests bieten können.

Die Rangdynamik Schindler bleibt somit sechs Jahrzehnte nach ihrer ersten Publikation einer der zentralen Bezugsrahmen der deutschsprachigen Gruppendynamik. Sie ist es nicht trotz, sondern wegen ihrer Klarheit, die zugleich ihre Grenze ist. Wer mit Gruppen arbeitet – führend, beratend, moderierend, lehrend –, sollte sie daher kennen, ihre Stärken nutzen und ihre Grenzen reflektieren.

Rangdynamik im eigenen Erleben verstehen – die nächste T-Gruppe

Das nächste gruppendynamische Training findet vom 15.–19. März 2027 an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin statt. Ein zweiter Termin ist zudem für den 6.–10. September 2027 in Vorbereitung. In fünf intensiven Tagen erleben Sie am eigenen Beispiel, wie sich Positionen wie Alpha, Beta, Gamma und Omega in einer Gruppe ausbilden – und wie Sie selbst darin wirken. Alle Trainer:innen sind dabei Mitglied in der Österreichischen Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung (ÖGGO).

Teilnahmegebühren:
500 € für Vollzeitstudierende (begrenzte Plätze)
1.300 € für Selbstzahler:innen (Freiberufler:innen, Selbstständige)
1.800 € für Teilnehmende aus Organisationen

→ Jetzt anmelden oder ein persönliches Gespräch vereinbaren

Quellenverweise

Amann, A. (2003/2004): Der gruppendynamische Raum. In: Antons, K., Amann, A., Clausen, G., König, O. & Schattenhofer, K.: Gruppenprozesse verstehen. Gruppendynamische Forschung und Praxis. 2. Aufl. Opladen: Leske + Budrich.

König, O. & Schattenhofer, K. (2018): Einführung in die Gruppendynamik. 8. Aufl. Heidelberg: Carl-Auer.

Kühl, S. (2020): Gruppen, Organisationen, Familien und Bewegungen. Zur Soziologie sozialer Systeme zwischen Interaktion und Gesellschaft. Working Paper. Bielefeld.

Schindler, R. (1957a): Grundprinzipien der Psychodynamik in der Gruppe. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, 11(5), 308–314.

Schindler, R. (1957b): Zehn Jahre bifokale Gruppentherapie. In: Stoll, W. A. (Hrsg.): Congress Report 2. Internationaler Kongress für Psychiatrie, September 1957. Zürich: Orell Füssli, S. 379–386.

Schindler, R. (1960): Über den wechselseitigen Einfluss von Gesprächsinhalt, Gruppenposition und Ich-Gestalt in der analytischen Gruppentherapie. Psyche, 14(6), 382–392.

Schindler, R. (2016): Das lebendige Gefüge der Gruppe. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von C. Spaller et al. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Schwarz, G. (2014): Konfliktmanagement. Konflikte erkennen, analysieren, lösen. 9. Aufl. Wiesbaden: Springer Gabler.

Schwarz, G. (2015): Lewin und die Anfänge der Gruppendynamik – ein Schöpfungsmythos. Gruppendynamik und Organisationsberatung, 46, 349–358.

Spaller, C. (2018): Das lebendige Gefüge der Gruppe. Plädoyer für eine kritische Relektüre der Rangdynamik nach Raoul Schindler. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 49(4), 363–370.

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